Anatomische Argumente für eine funktionsorientierte Ansage von Alignment

Das Beitragsfoto zeigt mich in Agnisthambhasana oder der doppelten Taube – nach 16 Jahren Yogapraxis. Ich bin Yogalehrerin. Hat jemals ein Yogalehrer so vor Dir gesessen? Vermutlich nicht. Denn die meisten Yogalehrer haben die Knochen für eine immense Außenrotation oder “Hüftöffnung” wie in der doppelten Taube. Das Alignment, die “korrekte” Ausrichtung, wäre hier die beiden Unterschenkel aufeinander abzulegen. Hast Du als Lehrer jemals einen Yogaschüler so vor Dir sitzen sehen? Vermutlich ja. Und was hast Du getan? Im schlimmsten Fall: Du bist zu diesem Schüler hingegangen, hast versucht den Oberschenkelknochen weiter auszurotieren oder ihn nach unten gedrückt. Vielleicht hast Du dem Schüler auch gesagt, er möge die Füße mehr flexen, um die Knie zu schützen oder er solle in eine einfachere Haltung wechseln.

Mir wurde auch gesagt, ich solle mit einem Psychologen über meine vergangenen Beziehungen sprechen. Sicher würden meine Hüften sich dann eines Tages öffnen …

Begriffsklärungen Außenrotation und Innenrotation

In der Yogapraxis sprechen wir oftmals von offener und geschlossener Hüfte. Gemeint ist damit die Art und Weise wie der Oberschenkelknochen in der Hüftpfanne bewegt werden kann. Dreht sich der Oberschenkelknochen auswärts – wie im Schneidersitz – sprechen wir von Außenrotation oder offener Hüfte. Dreht sich der Oberschenkelknochen einwärts – wie im Heldensitz – dann bezeichnen wir das auch als Innenrotation.

Körper ohne Grenzen

Da ich ja eine fleißige Yogini bin, habe ich all die obigen Tipps befolgt und Lehrer verschiedenster Yogastile haben ihre Tricks an mir angewandt. Tatsächlich passen meine Hüften auch nicht ins Yoga Alignment von anderen Haltungen wie Virabhadrasana II. So ließ ich viele Lehrer wie verrückt adjusten und fühlte mich jedes Mal schlechter, da sich meine Hüften einfach nicht öffnen ließen. Mein Körper kann mit Leichtigkeit komplizierte Positionen wie Galavasana oder Vishvamitrasana ausführen. Aber die doppelte Taube mit beiden Oberschenkelknochen in der Außenrotation: nicht einmal annähernd. Eine Tages fühlte ich in dieser Position auch keinerlei Dehnung mehr. So dachte ich, dass diese Haltung meine spirituelle Aufgabe sei. Denkst Du Dir bereits “die Frau ist aber naiv”? Dann lies weiter – Du magst recht haben.

Anatomie Recherchen

Vor nunmehr 9 Jahren begann ich zum Thema Becken und Hüften zu recherchieren. Ich besuchte Anatomie Workshops und ging in Medizin Vorlesungen in der Uni. Bitte verstehe mich nicht falsch. Ich liebe Yogastile, die sich um ein gutes Alignment bemühen und ich unterrichte selbst ebenfalls viele Alignment Prinzipien, die ich für Schüler als hilfreich erachte. Aber ich denke auch, dass wir als Lehrer feinere Unterscheidungen in unserer Wortwahl machen müssen. Im Rahmen meiner Recherchen verstand ich was tief unten in meinem Becken passierte und ich sah es ebenfalls in den Körpern von Yogaschülern: manche Körper lassen sich nicht in das Alignment bestimmte Positionen mit offener oder geschlossener Hüfte pressen. Sie passen einfach nicht hinein. Oder wie Yin Yogalehrerin Jo Phee sagt: “Keine zwei Schüler werden jemals gleich in einer Position aussehen – egal wie gut Deine Alignment Ansagen sind.” Es ist auch ihr Zitat in der Überschrift. Ihre Lehren in der Yin Yogalehrerausbildung gaben mir damals die letzte Erkenntnis in meinen Recherchen: nicht jeder Körper kann jede Asana praktizieren. Ja! Ich war so dumm dies für viele Jahre zu glauben.

Knochenstop

In Zeiten von Instagram- und Facebook-Yoga-Celebrities scheint es fast unglaublich. Täglich sieht man diese inspirierenden Lehrer, die alle Yoga Alignment Regeln aus den gängigen 200-Stunden-Yogalehrerausbildungen befolgen. Aber selten liest man: “Wenn Du fühlst, dass ein Knochen auf den anderen stößt: Stop! Übe eine andere Position. Es gibt so viele Yogahaltungen – wähle einfach eine andere.” Dies ist genau das, was in meinem Körper in Agnisthambhasana passiert: Knochen auf Knochen. Genauer gesagt schlägt der Oberschenkelknochen in der Hüftpfanne an. Und so wie steter Tropfen den Stein höhlt, verschleißt das Hüftgelenk bei jedem Versuch sich in ein unpassendes Idealbild von Alignment zu pressen. Schau Dir Bilder von 3-5 verschiedenen Becken an und Du wirst sehen, was ich meine. Die Hüftpfanne zeigt bei allen Menschen in eine leicht andere Richtung. Manche Menschen haben aufgrund ihrer Knochen mehr Innenrotation oder Außenrotation. Nicht immer ist Flexibilität der limitierende Faktor. Der Körper muss in den Asanas entsprechend ausgerichtet werden um ihm keinen Schaden zuzufügen. Ist das schlimm? Nicht wirklich.

Das Hüftgelenk und Yoga Alignment
http://paulgrilley.com/wp-content/uploads/2017/07/Hip_Socket_2-e1506903587915.jpg

Funktion vor Form

Doch, wie Jo Phee sagt, zielt die moderne Yoga Welt oftmals auf die Ästhetik einer Yogahaltung. Wir vergessen die Funktion der Position und unterrichten stattdessen so, dass die Schüler in der Haltung annähernd so aussehen, wie unser inneres Bild der Pose. “Keine Fabrik würde nur eine T-Shirt-Größe produzieren. Aber alle Yogis versuchen in die selbe Größe zu passen. Das kann einfach nicht funktionieren.” Tatsache ist, dass Schüler und Lehrer mit dieser Einstellung sich selbst nur Schaden zufügen. In meinem Fall musste das nächst schwächere Glied leiden. Das Knie übernahm die fehlende Außenrotation der Hüfte. Langfristig führt dies zur Abnutzung von Sehnen und Bändern.

“Meine Klassen sind ein Chaos”, erklärte Jo Phee in ihrer Yin Yogalehrerausbildung. Nicht nur, weil überall Bolster und Blöcke herumliegen, sondern weil ihre Art des Unterrichtens auf die Funktion und nicht auf die Form einer Haltung zielt. Somit wählt jeder Schüler sein eigenes Alignment. Sie empfiehlt Positionen vom Zentrum des Körpers nach außen aufzubauen – beginnend mit den großen Gelenken: Hüften und Schultern. “Beginne nicht von unten nach oben – wir sind keine Bäume mit Wurzeln. Wir haben Knochen. Der äußere Körper folgt im Alignment dem inneren Körper.” Dann erklärt sie den Schülern welche die Zielbereiche einer Asana sind. Hierdurch kann der Schüler die Position selbst so anpassen, dass er die Funktion der Haltung spürt, anstatt dass er in die Idee eines Profilbildes passt. Wenn ein Körper in das “Alignment Ideal” einer Yogahaltung passt, wird er dort einfach ankommen. Wenn nicht ist das auch gut, solange der Schüler die Zielbereiche dehnen oder kräftigen spürt.

Ein Plädoyer für Nachhaltigkeit vor Alignment

Einige Lehrer und Schüler wissen längst um die Wichtigkeit von Körperproportionen und Knochenstop in der Yogapraxis. Und manche noch nicht. Jeder Yogalehrer sollte seinen Schülern vermitteln, dass dies in manchen Positionen passieren kann. Wenn ein Schüler etwas scharfes wie Nadeln in einer Haltung fühlt, kann das ein Anzeichen für Knochenkompression sein.

Nein, leider können wir nicht all unsere Schüler röntgen um genau zu wissen was los ist. Aber wir können unseren Schülern beibringen wie sie Dehnung, keine Dehnung, Muskelaufbau und Kompression vom Gefühl her unterscheiden. Ich hätte gerne auf die Illusion verzichtet, dass mein Körper im Yoga grenzenlos ist. Es gibt so viele Positionen im Schmelztiegel von alten und neuen Yogaasanas. Lasst uns den Schülern beibringen, das für sich zu wählen was sich gut und nährend anfühlt. Meistens ist ein langjähriger Kampf eine Verschwendung von Energie. Yoga sollte unser Energiesystem bereichern und unsere Körper gesund halten. So gestalten wir die Praxis nachhaltiger. Und wenn das bedeutet, dass manche Alignment Regeln ein Ende finden müssen, sollten wir einfach loslassen.

Tipps und Links

Wer ein tiefergehendes Verständnis von individueller Anatomie erhalten möchte, kann sich über Yin Yoga bei Jo Phee, Paul Grilley und Bernie Clark eingehend informieren. 2020 bieten wir im Yoga Individual wieder verschiedene Workshops und eine Yin Yogalehrer Ausbildung zum Thema an.